Transformation im Steuerungs- und Schaltanlagenbau: Digitale, modulare und automatisierte Wege zum Wachstum im Rechenzentrumsmarkt
Der traditionelle Industriemarkt stagniert, während der Rechenzentrums- und KI-Sektor ein beispielloses Wachstumspotenzial bietet. Betreiber von Rechenzentren investieren 2025 rund 3,5 Milliarden Euro in Gebäude und technische Gebäudeausrüstung – davon 2,5 Milliarden Euro in Stromversorgung und Kühlung. Gleichzeitig droht der akute Fachkräftemangel die Realisierung dieser Projekte zu bremsen. Durch standardisierte Engineering-Datenketten, modulare Systemtechnik und Fertigungsautomatisierung können Unternehmen die hohen Volumina und kurzen Lieferzeiten bewältigen.
Inhaltsverzeichnis
Marktpotenzial Rechenzentrums- und KI-Infrastruktur
Die Bundesregierung strebt bis 2030 eine Verdopplung der Rechenzentrumskapazitäten und eine Vervierfachung der KI-Kapazitäten an. Das führt zu einer prognostizierten Anschlussleistung von über 5.000 MW für Rechenzentren und einem zusätzlichen KI-Leistungszuwachs von 2.020 MW (von 530 MW in 2025). Laut Bitkom- und Borderstep-Studie fließen 2025 3,5 Mrd. € in RZ-Gebäude und technische Ausrüstung, wobei ein signifikanter Anteil in Stromversorgung und Kühlung investiert wird.
- Investitionen in RZ-Gebäude & Technik: 3,5 Mrd. € (2025)
- Investitionen in Kühlung & Stromversorgung: 2,5 Mrd. € (2025)
- Prognostizierte Anschlussleistung bis 2030: >5.000 MW
- KI-Anschlussleistung bis 2030: +2.020 MW
Verschärfte regulatorische Anforderungen – das Energieeffizienzgesetz (EnEfG)
Ab 1. Juli 2026 gilt für Neubauten das gesetzliche PUE-Grenzlimit von ≤ 1,2. Der durchschnittliche PUE-Bestandswert lag 2025 bei 1,43 (Borderstep/Bitkom). Das EnEfG verlangt lückenlose Energiedatenerfassung bis auf Rack-Ebene und zwingt zu verlustarmer, messfähiger Stromverteilung. Diese Vorgaben treiben den Bedarf an modularen Remote Power Panels (RPP) mit integrierter Mess- und Sensortechnik.
- Gesetzlicher PUE-Grenzwert (EnEfG): ≤ 1,2 (ab 2026)
- Durchschnittlicher PUE-Bestandswert Deutschland 2025: 1,43
Fachkräftemangel – ein branchenspezifischer Engpass
Im März 2026 waren bundesweit rund 357.000 Fachkräftestellen rechnerisch unbesetzt, insbesondere in Elektro- und Metallberufen. Fast 90 % der offenen Stellen im Bauelektrik- und Schaltschrankbau entfallen auf kleine und mittelständische Unternehmen (KMU). Ohne automatisierte Drahtkonfektionierung und CAD-gestützte Werkerführung können Auftragsspitzen nicht abgearbeitet werden.
- Unbesetzbare Fachkräftestellen insgesamt (2026): 357.000
- Anteilig unbesetzte Stellen in KMU (Bauelektrik, 2025): 89 %
Durchgängige Digitalisierung und Modultechnik als Produktivitätstreiber
Digitaler Zwilling und datendurchgängige Engineering-Datenkette
Der Einsatz von Eplan in Kombination mit Rittal ermöglicht die Vorplanung mittels digitalem Zwilling. Durch diese Integration lassen sich Projekt-Durchlaufzeiten um 40-50 % verkürzen. Der digitale Zwilling liefert konsistente Schaltpläne, Aufbau- und Fertigungsdaten, die nahtlos in Arbeitsvorbereitung, Drahtkonfektionierung und Montage fließen.
Automatisierte Fertigung – Beispiel RiLine-X
Die Fraunhofer-IML-Feldstudie bei Gefeba belegt eine Montagezeit-Reduktion von bis zu 75 % und eine Engineering-Zeiteinsparung von 30 % durch das werkzeuglose Steck- und Click-System von RiLine-X. Die offene 60-mm-Sammelschienenplattform erlaubt eine werkzeuglose Montage, standardisierte Boards und Adapter sowie integrierten Berührungsschutz.
- Montagezeit-Reduktion RiLine-X: bis zu 75 % (2025)
- Engineering-Zeiteinsparung: 30 % (2025)
Remote Power Panels (RPP) – neue Standards für die Stromverteilung im Rechenzentrum
Ein Remote Power Panel (RPP) ist die Bindeglied zwischen Hauptverteilung bzw. USV und den Serverschränken. Es bringt die Unterverteilung unmittelbar an die Server-Racks, verkürzt verlustbehaftete Zuleitungen und ermöglicht ein granularen Monitoring einzelner Stromkreise auf Rack-Ebene. Vorgeplante Application Samples und durchgängige Engineering-Daten beschleunigen die projektspezifische Planung und Umsetzung.
- Funktion: Stromverteilung von Hauptverteilung/USV direkt zu den Racks
- Vorteil: Reduzierter Kupfereinsatz, modulare Erweiterbarkeit, lückenlose Messfähigkeit
- Engineering-Vorteil: Wiederverwendbare Application Samples mit vollem Datenpaket
Risiken und Gegenmaßnahmen
Die Einführung digitaler Zwillinge und CNC-gestützter Fertigungszentren erfordert erhebliche Vorabinvestitionen in Softwarelizenzen, Maschinen und Schulungen – für kleinere Schaltanlagenbauer oft schwer amortisierbar. Zudem besteht eine Abhängigkeit von proprietären Ökosystemen (z. B. Eplan + Rittal). Offene Schnittstellen wie AutomationML oder standardisierte STEP-/eCl@ss-Modelle sind deshalb essenziell, um herstellerunabhängige Integration zu gewährleisten. Verzögerte Netzanschlussverfahren können Auftragsbücher schwanken lassen, weil Genehmigungsverfahren und fehlende Umspannwerkskapazitäten den Projektstart verzögern.
- Investitions- und Qualifizierungshürde für KMU
- Abhängigkeit von proprietären Toolketten – Bedarf an offenen Datenstandards
- Risiko durch verzögerte Netzanschlussverfahren und Genehmigungen
FAQ – häufig gestellte Fragen
Was unterscheidet ein Remote Power Panel (RPP) von einer herkömmlichen Niederspannungshauptverteilung?Ein RPP fungiert als Bindeglied zwischen Hauptverteilung bzw. USV und den Serverschränken: Es bringt die Unterverteilung räumlich unmittelbar an die Server-Racks, verkürzt verlustbehaftete Zuleitungen und erlaubt ein granuläres Monitoring einzelner Stromkreise auf Rack-Ebene.Warum verschärft das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) den Druck auf Schaltanlagenbauer?Das EnEfG verlangt von Neubauten einen PUE-Wert von maximal 1,2, was die Verlustleistung in der Stromverteilung minimiert und eine lückenlose Energiedatenerfassung vorschreibt; Schaltanlagen müssen daher messfähig, hochgradig redundant und verlustarm konstruiert sein.Wie realistisch sind Montagezeit-Einsparungen von bis zu 75 % in der Praxis?Die unabhängige REFA-Untersuchung des Fraunhofer-IML bei Gefeba zeigt, dass durch werkzeuglose Steck- und Click-Systeme zeitraubende Zuschnitte, Bohrungen und Berührungsschutzanpassungen entfallen, wodurch diese Einsparungen bei Sammelschienensystemen reproduzierbar erreicht werden.
Fazit
Der wachsende Rechenzentrums- und KI-Markt stellt für Steuerungs- und Schaltanlagenbauer sowohl eine enorme Chance als auch eine strategische Herausforderung dar. Strenge regulatorische Vorgaben (EnEfG, PUE-Grenzwert ≤ 1,2) verlangen verlustarme, messfähige Stromverteilungssysteme. Der akute Fachkräftemangel, vor allem in KMU, macht Durchgängigkeit von Engineering-Daten, modulare Produktarchitekturen und automatisierte Fertigung zu unverzichtbaren Hebeln. Der digitale Zwilling, standardisierte Plattformen wie RiLine-X und Remote Power Panels ermöglichen Zeit- und Kosteneinsparungen von bis zu 75 % bzw. 30 % und sichern gleichzeitig die Qualitätsanforderungen hoher Volumina. Trotz Investitions- und Qualifizierungsbarrieren sowie Abhängigkeiten von proprietären Ökosystemen können offene Datenstandards und enge Kooperationen zwischen Software- und Hardware-Anbietern die Risikofaktoren mindern. Unternehmen, die diese ganzheitliche Transformation konsequent umsetzen, können nicht nur den Fachkräftemangel kompensieren, sondern auch nachhaltig vom Boom der Rechenzentrumsinfrastruktur profitieren.
